Das Lorscher Arzneibuch - Klostermedizin zur Karolingerzeit
von Kassandra zu Haddeby (aus dem Two-Seas Newsletter "De Rode Harung" Nr. 01 Januar 2009)
Wahrscheinlich wurde es unter der Leitung des Abtes Richbodo gegen Ende des 8.Jahrhunderts im Kloster Lorsch bei Worms verfasst.
Das Buch beinhaltet fünf größere Rezeptsammlungen und Anweisungen zur richtigen Ernährung. Dabei werden einfache, leicht herzustellende Arzneien, aber
auch kostspielige und hoch komplizierte Mixturen beschrieben. Sogar ein Inhaltsverzeichnis wurde angelegt,
damit der Behandelnde die einzelnen Rezepturen schneller finden konnte.
In besonderem Maße berücksichtigt das Lorscher Arzneibuch
die heimische Pflanzenwelt.
Das Lorscher Arzneibuch, den Historikern auch als „Bamberger Codex“ ein Begriff, beginnt mit einer hochinteressanten Rechtfertigung,
einer Art Verteidigung der Medizin gegen die Angriffe konservativer Kreise der Kirche, die die Heilkunde als gotteslästerlichen Eingriff in den göttlichen Heilsplan ansahen. Dabei leitet der Verfasser das Recht, aber auch die Pflicht aus der heiligen Schrift ab, dem Kranken Kraft menschlicher Erkenntnis zusammen mit dem Wirken des heiligen Geistes beizustehen. Diese kleine Einleitung kommt einer Revolution gleich, da plötzlich medizinische Erkenntnisse der heidnischen Antike gegen die Skepsis der Kirche aufgegriffen und vertieft werden. Bis dahin galt die Arbeit des Arztes oft als sündhaft oder zumindest nutzlos. Denn es war der göttliche Wille, der den durch die Erbsünde gezeichneten Menschen mit Tod und Krankheit strafte.
Das Lorscher Arzneibuch legitimiert erstmals die Beschäftigung des Christen mit der antiken Heilkunde und stellt sie von nun an in den Dienst am Menschen.
Besonders interessant ist der zweite Text, ein Gedicht auf Kosmas und Damian sowie Hippokrates und Galen: hier werden also die christlichen Patrone der Medizin und Pharmazie neben die zwei berühmtesten Ärzte der Antike gestellt.
Inhaltlich geht es darum, dass jedem, sei er arm oder reich, die Heilkunst zuteil werden muss. Der Arzt soll deshalb seine materiellen Forderungen den Möglichkeiten des Patienten anpassen. Außerdem darf nicht nur an die teuren Spezereien aus dem Orient gedacht werden, auch die Berge und Wiesen der Heimat bieten heilbringende Kräuter.
Das Lorscher Arzneibuch enthält nach den Untersuchungen von Gundolf Keil und Ulrich Stoll derzeit 182 Rezepte, während nach seinem Inhaltsverzeichnis über 780 Rezepte vorhanden waren. Einige davon möchte ich Euch nach und nach in den folgenden Newslettern vorstellen.
Die Rezepte sind nicht zur Nachahmung ausgewählt. Sie enthalten auch Bestandteile, insbesondere Metalle und Pflanzen, die giftig oder in Überdosierung gefährlich für die Gesundheit sind. Daher der schöne Satz aus der Werbung :“ Zu Risiken und Nebenwirkungen
fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker“. Die Herstellung von Medikamenten gehört in die Hand eines erfahrenen Apothekers.
Rezept des Quartals:
Gegen Husten: Man kocht Mehl aus Bockshornklee in Wasser, bis er seine Bitterkeit verliert, gibt Honig hinzu, kocht es nochmals und nimmt es ein. Es beruhigt den Husten und reinigt die „Lungengeschwüre“ (d.h. es fördert den Auswurf). Desgleichen: Der Husten wird gedämpft, wenn man eine zerdrückte Knoblauchzehe kocht und im Essen oder mit Honig einnimmt. Das wirkt bei Husten und bei eitrigem Auswurf.
Desgleichen: Heiltrank gegen Husten: Zum Lösen von reichlich vorhandenem Schleim reibst du Eppichsamen
und Rautenblätter zu gleichen Teilen und lässt mit Andornsaft ein Eivoll trinken; es löst all den zähen Schleim.
Desgleichen ein anderes sehr beliebtes Mittel gegen Husten: Du mischt Styrax, Mutterharz und 12 Unzen Opium, machst daraus Pillen von der Größe eines dickeren Pfefferkorns und lässt davon drei zur Nacht schlucken. (Das Opium war hier der Hustenstiller, es wirkt direkt auf das Atemzentrum im Gehirn. Zur heutiger Zeit nehmen wir Codein dafür, es stammt
vom Morphin ab, welches mit dem Opium verwandt ist. Es ist verschreibungspflichtig und wird vom Arzt verordnet.)
Gegen chronischen Husten: Je 1 Unze Terpentin, Butter, Öl und Honig. Das alles verrührst du zu einer einheitlichen Masse und verabreichst zuerst zwei Löffel, dann drei, bis zur Genesung.
Desgleichen: 1 Unze Öl, 1 Unze Honig, 1 Unze Butter, 1 Unze Schlangenknöterich. Das alles mische, seihe ab und gib mehrere Tage lang je 3 Löffel, bis der Husten nachlässt.
Zur besseren Vorstellung von den jeweiligen Mengenverhältnissen schaut auf die extra Tabelle für Maße und Gewichte.
Quellennachweis:
Das Lorscher Arzneibuch - Ausgewählte Texte und Beiträge
http://www.klostermedizin.de
http://www.planet-wissen.de

